Eine Einführung von Jérôme Lejeune: Die „LANTINS“ sind wieder da

Veröffentlicht am 22/12/2015

Die Brüder Arnold und Hugo de Lantin wurden in Lüttich geboren und waren beide zu Beginn des 15. Jahrhunderts als Komponisten tätig. Bereits im Jahre 2002 hat das Label RICERCAR den Werken der Brüder eine CD gewidmet, bei der die Capilla Flamenca unter der Leitung des inzwischen verstorbenen Dirk Snellings mit der „Missa Verbum Incarnatum“ von Arnold de Lantins einen bedeutenden Meilenstein der sakralen Musik präsentierte.

Auf der neuen CD befindet sich nicht nur Musik von Arnold de Lantins, sondern auch von seinem Bruder Hugo. An der musikhistorischen Kante zwischen dem archaisch Stil des Mittelalters und dem humanistisch, ausdrucksstarken Stil der Renaissance waren Arnold und Hugo auch in Venedig und Pesaro aktiv gewesen, wo sie die Musikszene, die beim sehr kultivierten Stil dieser Epoche buchstäblich tonangebend war, maßgeblich mitprägten.

Den Weg nach Italien hatte ein weiterer, ebenfalls aus Lüttich stammender Komponist bereits einige Jahre vorher bereitet. Wie Musikwissenschaftler mittlerweile bestätigen, spielte Johannes Ciconia bei der Entwicklung dessen, was die musikalischen Strukturen der Renaissance ausmachen sollte, eine tragende Rolle. Die gesamten Werke von Ciconia wurden von La Morra und Diabolus in Musica für RICERCAR eingespielt und sind unter RIC 316 erhältlich.

Dennoch fragt man sich, was diese Herren aus Lüttich und weitere, die ihnen aus Flamen und Frankreich folgen sollten, bewogen hat nach Italien zu reisen. Obwohl es einige Geistliche unter ihnen gab, die aus praktischen Gründen den Weg nach Rom angetreten haben mögen, um das Ersuchen nach kirchlichen Schenkungen oder Zuwendungen zu beschleunigen, ist davon auszugehen, dass ein generelles Interesse an künstlerischen Entwicklungen und an den kulturellen Verfeinerung der italienischen Höfe bestanden hat. Ebenfalls interessant ist der Umstand, dass die französische Sprache zu jener Zeit als Teil der Hochkultur erachtet wurde, möglicherweise weil Francesco Petrarca einige Zeit in Avignon verbracht hatte. Das würde auch die Vielzahl seiner Werke erklären, die zu französischen Texten gesetzt sind.

Hugo de Lantins scheint jedenfalls eine recht spitzbübische Seite gehabt zu haben wie sich am Leistenvers seines Rondeaus „Plaindre m’etuet de ma damme jolye“ (putain de merde = dreckige Hure) ablesen lässt. Bleibt die Frage, wer die „damme jolye“, also die schöne Dame war, die Hugo veranlasste, sie derart zu beleidigen.